Kurzer Genuss: Warum Kurzgeschichten lesen die ideale Auszeit ist
- tinapfeifer
- 13. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Lesen, wenn die Zeit knapp ist oder: Der Roman ist lang, die Zeit kurz.
Gerade wenn man wenig Zeit zum Lesen hat, wirken lange Romane schnell überwältigend. Der Terminkalender ist voll, die Tage sind dicht getaktet – Zeit zum Lesen bleibt kaum. Der Roman auf dem Nachttisch blickt einen seit Wochen vorwurfsvoll an. Man weiß: Eigentlich würde man gern lesen. Aber lange Romane passen gerade nicht in den Alltag. Seit zwei Wochen schläft man immer wieder auf Seite drei ein. Der Roman wird zu einem unüberwindbaren Buchstabenberg. Genau hier kommen Kurzgeschichten ins Spiel.
Kleine Form, große Wirkung von kurzen Geschichten
Kurzgeschichten werden – zumindest im deutschsprachigen Raum – oft unterschätzt. Vielleicht, weil sie so unscheinbar daherkommen. Wenige Seiten, keine riesigen Versprechen oder Ankündigungen, kein langes Ankommen in einer Welt. Und doch liegt genau darin ihre Stärke.
Eine Kurzgeschichte verlangt nicht viel Zeit – aber sie verlangt Aufmerksamkeit. Sie führt uns mitten hinein, ohne Umwege. Es gibt kein ausgedehntes Vorgeplänkel, das die Geschichte langsam und behutsam einleitet. Stattdessen wird man mitten in einen Moment geworfen, zu einer Begegnung, einer Entscheidung, einer Figur, die sich mindestens so viele Fragen stellt wie der/die Leser:in. Gerade in einer Welt, in der unsere Aufmerksamkeit ständig fragmentiert wird, entspricht das eigentlich gänzlich dem Zeitgeist – und ist doch in keiner Weise oberflächlich.
Internationale Perspektive: Short Stories
Während im deutschsprachigen Raum Kurzgeschichten oft nur belächelt werden, genießen Short Stories in englischsprachigen Ländern einen ganz eigenen Stellenwert. Sie werden dort seit Jahrhunderten ernst genommen und gelten als hohe Kunst der Literatur. Der Begriff „Short Story“ bezeichnet eine literarische Kurzform, die auf Verdichtung, Atmosphäre und offene Enden setzt. Berühmte Beispiele sind z. B. Edgar Allan Poes „The Tell-Tale Heart“ („Das verräterische Herz“), Ernest Hemingways „Hills Like White Elephants“ („Hügel wie weiße Elefanten“) oder Alice Munros vielfach preisgekrönte Kurzgeschichten. Ich lese gerade den Kurzgeschichtenband „Tipps für die Wildnis“ von Margaret Atwood, in denen zehn unglaublich dichte und detailreiche Geschichten von Frauen an Wendepunkten erzählt werden. Absolut empfehlenswert!
Mentale Zwischenräume: Warum Kurzgeschichten lesen wirkt
Aus kognitionspsychologischer Sicht sind kurze narrative Formen durchaus interessant. Studien zeigen, dass unser Gehirn beim Lesen von Kurzgeschichten besonders gut auf abgeschlossene Sinn-Einheiten reagiert. Eine Short Story bietet genau das: einen klar umrissenen emotionalen und gedanklichen Raum, der in einem relativ kurzen Zeitrum betreten – und wieder verlassen wird. Trotz dieser Kürze halten wir dennoch bewusst kurz inne, wechseln die Perspektive, lassen Gefühle zu – ohne uns langfristig binden zu müssen. Gerade deshalb eignen sich Kurzgeschichten so gut als Auszeit zwischendurch: Sie fordern, ohne zu überfordern. Und das erfrischt das Gehirn und regt es an.
Lesen ohne Verpflichtung – warum Short Stories entlasten
Was Kurzgeschichten für mich so besonders macht, ist dieses Gefühl von Freiheit. Man muss nichts „schaffen“. Kein Kapitelziel, kein Leseversprechen an sich selbst. Man liest eine Geschichte (und das auf nur wenigen Seiten) – und ist fertig. Punkt.
Diese Abgeschlossenheit wirkt entlastend. Sie erlaubt es, Lesen wieder als das zu erleben, was es ursprünglich war: eine Pause. Eine bewusste Unterbrechung des Alltags. Eine kleine gedankliche Reise, die auch dann funktioniert, wenn man müde ist oder nur zehn Minuten Zeit hat.
Konzentration auf das Wesentliche
Beim Schreiben von Kurzgeschichten wird mir immer wieder bewusst, wie sehr diese Literaturform zur Konzentration zwingt. Jede Szene, jeder Satz muss tragen. Es gibt keinen Platz für Umwege.
Als Leser:in spürt man das. Kurzgeschichten sind meist dichter und pointierter, und dadurch intensiver als lange Erzählformen. Sie stellen Fragen, ohne sie vollständig zu beantworten. Und genau dadurch wirken sie nach – manchmal länger als ein ganzes Buch.
Für mich sind Kurzgeschichten kleine Denk- und Gefühlsräume. Ich schreibe sie oft dann, wenn mich ein Moment nicht loslässt, eine Beobachtung, ein Gedanke, eine Stimmung. Nicht alles braucht 300 Seiten, um erzählt zu werden. Manche Dinge entfalten ihre Kraft gerade in der Reduktion. Und das macht Kurzgeschichten meiner Meinung nach heute so zeitgemäß: Sie respektieren unsere begrenzte Zeit, ohne unsere Sehnsucht nach Tiefe zu unterschätzen. Sie sind eine Einladung zur Pause mit Sinn. Denn Kurzgeschichten sind keine „Literatur light“. Sie sind konzentrierte Literatur.
Vielleicht sind sie deshalb die ideale Auszeit: weil sie uns erlauben, den Fokus für eine kurze Zeit ganz konzentriert an einen Ort voller Möglichkeiten zu lenken. Komplett zu versinken. In einer Geschichte. In einem Gedanken. Und dann – bereichert und berührt – wieder zurück in den Alltag zu kehren. Also fast wie nach einer Meditation. So wird lesen zu einer kurzen Auszeit in Form einer Kurzgeschichte.
In diesem Sinne: Buch auf – Alltag aus.
Deine Tina

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